Eure erste Fahrt.....

9 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Den Tag vergesse ich nie. Auch nach 40 Jahren kann ich mich an fast allen Einzelheiten erinnern.

Ich brauchte nur drei Fahrstunden (es gab damals keine Pflichtfahrstunden). Eine um das Motorrad kennen zu lernen und eine Doppelstunde für die Prüfung. Seit meinem 12. Lebensjahr hatte ich immer irgendwelche Kleinkrafträder (50 ccm). Mit 16 habe ich dann den Führerschein der Klasse 4 (bis 50 ccm) gemacht. Mit 17 hatte ich meine 600´er BMW. Als ich 18 wurde, begann ich mit dem Führerschein Klasse 1 (Motorräder, uneingeschränkt). Abgebrochen, weil es immer Stress mit dem Fahrlehrer gab (ältere Mann, aus der Steinzeit). Ich fuhr immer mit meiner 600´er zur Fahrschule und musste dann auf eine 250´er BMW mit Beiwagen umsteigen. War mir zu blöd. Frech war, dass genau gegenüber der Polizeiabschnitt in der Friesenstr. war. Man grüßte sich (Motorradpolizisten), man war ja höflich. Die passten auch immer schön auf mein Motorrad auf. Die konnten natürlich nicht ahnen, dass ich noch keinen Führerschein hatte. Das Fahrschulmotorrad stand ja um die Ecke in der Garage. Bei der sechsten Fahrstunde fing es an stark zu bewölken. Der Fahrlehrer wollte fahren, damit wir nicht nass werden. Im Beiwagen hatte er aber keine Eingriffsmöglichkeit. Wir wurden natürlich nicht nass. Ich habe ihm gezeigt, dass ich schon einige Jahre Fahrpraxis hatte. Die Fahrt hat er sicher nie mehr vergessen. Ich auch nicht. Mich störten nur seine Schreie und Wutanfälle. War dann in dieser Fahrschule meine letzte Fahrstunde.

Kurz darauf "zerlegte" ich meine BMW auf der Havelchaussee (Sand in der Kurve, ich viel zu schnell). Daraufhin kaufte ich mir eine 50 ccm Herkules (dafür hatte ich ja den Führerschein). Wie da Leben so spielt, bekam ich einen alten 250 ccm Kradmelder (Baujahr 1938) geschenkt, den ich liebevoll aufbauen wollte. Dann folgte die Erfahrung fürs Leben. Ohne TÜV, ohne Versicherung, ohne Führerschein und ohne Nummernschild war ich täglich mit dem sehr lauten 2-Takter zu "Testfahrten" unterwegs. Musste ja schief gehen. Die erste Zivilstreife der Polizei wurde auf mich angesetzt. Hat auch geklappt. 500 DM Geldstrafe war 1970 für einen Lehrling, der 80 DM verdiente und die Hälfte zu Hause abgegeben hatte, sehr viel Geld. Meine Eltern hatten immer sehr viel Verständnis für meinen Blödsinn, aber hier hatten sie das einzig Richtige gemacht. Ich musste alles bis auf den letzten Pfennig abbezahlen.

In der Zwischenzeit lernte ich an der "Spinnerbrücke" einen Fahrlehrer kennen. Bei ihm begann ich den Führerschein zu machen, nachdem er mir gehörig "den Kopf gewaschen" hatte (Theorie, da gab es Pflichtstunden). Da ich ja schon den Klasse 4 Führerschein hatte, den Führerschein der Klasse 1 angefangen hatte und bei dem "Erwischen" ölverschmiert war (hatte an der 250´er gebaut) bekam ich keine Führerscheinsperre. Der Richter hatte "Gnade vor Recht ergehen lassen".

Ich hatte jede freie Minute nebenbei gearbeitet, da ich ja die Strafe abzahlen musste und natürlich Geld für ein Motorrad brauchte. Noch während ich beim Führerschein war, bekam ich günstig eine 250´er Yamaha RD250. Irgendwie musste ich die aber nach Hause bekommen. Natürlich nicht schieben. Vor meiner Haustür warteten schon meine Freunde, denen ich stolz mein neues Motorrad vorführte. Gefiel nicht der Polizei. Hinter mir stand plötzlich ein Polizeiwagen, der mich aufforderte, nicht so laut mit dem Motorrad in der kleinen Straße umherzufahren. Nach den Papieren hatte man mich nicht gefragt. Der Schock fürs Leben. Sofort das Motorrad in meine damaligen Garage und keinen Meter mehr damit gefahren. War die schlimmste Zeit meines Lebens, hatte aber noch meine 50 ccm.

Dann kam der Tag X: Mit der "Kleinen" zur Prüfung. Auf dem Weg zur Fahrschule habe ich mich auf Rollsplitt damit "hingelegt. Das Ergebnis war eine Gehirnerschütterung (stellte sich hinterher raus). Trotzdem zur Prüfung. Der Prüfer wollte mich unbedingt durchfallen lassen (sagte mir auch mein Fahrlehrer). Der Prüfer war sehr "konservativ" und mein Äußeres passte ihm nicht. War ja noch Anfang der 70´er. Lange Haare bis auf die Schultern, durch meinen Boxsport hatte ich eine "Boxernase" und oben fehlten mir zwei Zähne. Der hatte mich in "Fallen laufen lassen" und theoretisch "extrem getestet". Half nichts, ich hatte bestanden!

Dann kam die längste Motorradfahrt meines Lebens -- von der Prüfstelle bis zur Garage. Die Herkules mehr hingeworfen als abgestellt und dann mit der RD250 ab. Obwohl ich schon einige Jahre Motorrad gefahren war, war dass die schönste Fahrt meines Lebens. Nicht mehr durch Hauseinfahrten, nicht mehr Treppen rauf und runter, keine Rennen mehr -- weil ich von der "Blaulichttruppe" verfolgt wurde. An dem Tage habe ich fast alle meine Freunde besucht, egal ob die ein Motorrad hatten oder nicht. Die mussten das eben aushalten, so glücklich und stolz war ich.

Fazit: Wenn Du den Führerschein bestanden hast, genieße den Tag gründlich. Der kommt nie wieder.

Viel Glück, Gruß Bonny

Hey Bonny, danke für deine "Antwort" und tolle Schreibe! :)

0

@bonny sehr gute und feine Geschichte,hast mich mit meinen 13 J. Schwarzfahren (4 J. davon in Berlin)weit übertroffen. Respekt und Hut ab vor dir Gruß Stefan

0

Hallo Bonny, bin von Deiner Geschichte begeistert. Danke dafür!

0

Diese Geschichte ist einfach einen Stern wert! :)

0

Komisches Gefühl, man fuhr mit der 250er Honda durch Frankfurt und schaute in den Rückspiegel, sah einen Streifenwagen und überlegte sich "wie hänge ich die jetzt ab" und dann kam die Erleuchtung "musst du ja jetzt nicht mehr, hast ja jetzt einen Führerschein"... das waren die wilden Siebziger :-)

grins

0

Das erste Mal ohne Fahrlehrer/Prüfer fand am 12.09.1978 statt, aber direkt hinter der Prüfung, da meine niegelnagelneue Kawa KH 125 zugelassen beim Händler stand, ich aber noch nicht Klasse 1 (jetzt A ?) hatte(den 3er hatte ich seit dem 08.02.78 in der Tasche). Meine Mutter im Rekord hinter mir hinterher. Ich fuhr hinter dem Fahrschulwagen, da gab es noch nicht Mikro und Kopfhöhrer im Helm und sowas...

Also die Tour absolviert, Lob vom Prüfer und erweiterten Lappen kassiert und ab mit dem Opel zu Kawa. Einweisung und ab nach Hause, um den Gepäckträger zu montieren. Das passende Topcase hatte mir meine Mutter aus London mitgebracht. Damals gab es noch nicht die "großen Drei". Das war nicht so einfach mit Mopedzubehör wie heutzutage.

Am Mittwoch, den 13. (!) war das Wetter prima. Da stand die erste Tour, gleich nach der Schule, an. Ich fühlte mich wie Toni Mang und fuhr auch so; glaubte ich zumindest. In einer kleinen Ortschaft fuhr ich am Martplatz entlang und stach wie ein Besengter in die Kurve (waren viele Zuschauer da, es war gerade Wochenmarkt). Dummerweise habe ich nicht daran gedacht, daß die Fußrasten starr montiert waren... Ich absolvierte eine Schlitterpartie mitsamt Moped und wurde durch den Kanntstein direkt vor einem Cafè gebremst. Wie ich mich fühlte, kann man sich wohl vorstellen. Das Moped hatte, ebeso wie ich, gar nicht viel abbekommen:Die beiden linken Blinker abrasiert und der Gepäckträger krumm, der hatte viel abgehalten. Meine Lederklamotten hatten durch das Kopfsteinpflaster fast nichts abbekommen.

Ich habe dann das Moped wieder aufgesammelt und bin im Rahmen der StVO nach Hause gefahren; aber erst zum Kawahändler, neue Blinker bestellen. So, das war meine erste Ausfahrt. Den darauffolgenden Sonnabend werde ich verschweigen, denn der endete im Krankenhaus. Seitdem fahre ich nur noch max. 50° Schräglage. :-))

Und ich dachte immer dass ich schon verrückt war (bin). Aber Hut ab. Gruß Bonny

0

Holy shit! :p Gleich das neue Bike gelegt!

0

Was möchtest Du wissen?