Kamm'scher Kreis?

 - (Fahrtechnik, Kammscher Kreis)

2 Antworten

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Ich mag die Fragen, die du stellst. Das gibt mir das Gefühl bei Motorradfrage zu schreiben und nicht bei Mopedfrage.

Auf der Y-Achse (Umfangkräfte) sieht man die Beschleunigung. Negative Beschleunigung bedeutet Bremsen. Auf der der X-Achse wird die Schräglage angegeben. Der Kreis ist der Bereich in dem der Reifen Grip hat. Wie man wohl kaum anders vermutet hätte, kann man bei viel Schräglage nur wenig Gasgeben bzw. Bremsen und umgekehrt.

Die eigentliche Aussage dieser Grafik ist aber etwas erkenntnisreicher. Es handelt sich nämlich um einen Kreis und nicht um eine Raute. Das bedeutet, dass die mögliche Beschleunigung mit zunehmender Schräglage nicht linear abnimmt. Du kannst bei den ersten 15° Schräglage noch fast maximal beschleunigen und bei den letzten 15° nur noch sehr wenig.

Das zeigt das Fahrschulsprüche wie "In Schräglage darf man nicht bremsen" ziemlicher Unsinn sind. Auch sind pauschale Tipps wie "beim Bremsen Motorrad senkrecht aufrichten" damit ein wenig in Frage gestellt.

Aber nicht nur Anfänger profitieren davon, sondern auch angehende MotoGP-Weltmeisterinnen. Im Kurveneingang kann man noch sehr stark verzögern. Du musst die Bremse nicht so früh lösen, sondern kannst zunächst in die Kurve voll reinbremsen. Beim Rausbeschleunigen gibt's du anfangs nur sehr wenig Gas und öffnest das Gas immer schneller. Vollgas gibst du schon lange vor 0° Schragläge. Es geht nicht nur darum möglichst früh Gaszugeben, sondern schnell genug Vollgas zu geben. Es bringt nichts als Erster gaszugeben, wenn man noch bei Halbgas ist, während alle anderen schon Vollgas geben.

Rennstreckeneinsteiger verlieren beim Kurveneingang und beim Kurvenausgang die meiste Zeit. Sie Bremsen sehr früh und lösen die Bremse teilweise schon vor dem Kurveneingang. Beim Beschleunigen geben sie zwar früh ordentlich Gas, warten dann aber viel zu lange bis sie Vollgas geben. Wenn sie dann merken, dass erfahrene Fahrer viel schneller aus den Kurven rauskommen, geben sie noch früher Gas und legen sich auf die Nase. Dabei war der Fehler nicht, dass sie das Gas zu spät öffnen, sondern es zu langsam öffnen.

Wer sich schonmal gefragt hat, wie es sein kann das manche Leute 10 Sekunden schneller fahren obwohl man selbst manchmal sogar über die Gripgrenze hinaus geht, dann ist der Kamm'sche Kreis die Antwort für einige dieser 10 Sekunden. Würde man einen schnellen Fahrer in den Kamm'schen Kreis einzeichnen, so würde er fast die ganze Fläche nutzen. Ein langsamer Fahrer würde insbesondere bei wenig Schräglage auffallend weniger Fläche nutzen. Dort liegt viel Zeit für Anfänger und nicht primär bei maximaler oder keiner Schräglage.

Bei mittlerer Schräglage kann man schon ordentlich beschleunigen. Die Wirkung des Kamm'schen Kreises wird sehr oft unterschätzt oder für zu linear gehalten. Deswegen steht das auch in jedem Buch über Motorrad-Fahrtechnik drin.

Und ich mag deine Antworten =)

Dann ist das doch nicht so trivial wie ich dachte. In dem Buch steht das nämlich alles nicht drin. Ich kann also leichter schneller werden, wenn ich bei mittleren Schräglage den Kreis mehr "ausnutze". Und bei voller Schräglage oder keiner nur wenig verbessern? Klingt logisch, Vollgas geben auf der Geraden kann jeder und schräg Fahren ist auch nicht das Schwierigste.

Wenn man MotoGP Fahrer einzeichnen würde, wären die dann wahrscheinlich fast deckungsgleich mit der Kreisfläche. Und normale Fahrer würden bei 0 oder maximaler Schräglage den Kreis auch ganz gut ausnutzen aber dazwischen weniger? Wenn man es einzeichnet, also eher wie eine Raute?

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@Sarathustra96

Exakt.

Du darfst nur nicht vergessen, dass der Kreis ein rein theoretisches Modell ist und kein Abbild der Realität. Der Kreis suggeriert ja, dass bei gleichem Motorrad die gleichen Gripverhältnisse herrschen. Dabei sind die von Kurve zu Kurve stark unterschiedlich. Beispielsweise hast du in Kurven die nach innen abfallen viel mehr Grip.

Es ist auch nicht immer ein perfekter Kreis. Rennreifen haben eine viel spitzere Form als Straßenreifen. Dadurch hast du in Schräglage mehr Auflagefläche als auf der Geraden.

Außerdem ist das Ausnutzen des Kreises nicht gleich Rundenzeit. Die ergibt sich nur durch die Durchschnittsgeschwindigkeit. Insbesondere die Linienwahl hat da einen großen Einfluss drauf. Das betrifft den Kreis ja nicht.

Du stürzt auch nicht automatisch wenn du den Kreis überschreitest. So kannst du beispielsweise das Vorderrad an einer bestimmten Stelle verlieren(KK wird überschritten) und durch eine Bodenwelle(KK vergrößert sich) wieder fangen. Oder eben man kontrolliert das Bike außerhalb des KK. Also Driften.

MotoGP Fahrer sind übernatürliche Wesen deren Rundenzeiten scheinbar unabhängig von physikalischen Gesetzen entstehen ;)

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Was es für das Fahren bringt? Es entscheidet theoretisch über Abflug oder eine schön gefahrene Kurve. Es ist ein Rechenmodell, was die jeweiligen Kräfte bei einer Kurvenfahrt darstellt.

Du kannst also einen erheblichen engeren Kurvenradius fahren, wenn du langsam fährst, einen weitere Bogen kannst du schneller fahren. Zumindest solange wie die andere Kraft dabei jeweils innerhalb dieses Kreises bleibt.

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